Hirnsturm: Ein Kabinett verwegener Forscher – 2005

Progr Zentrum für Kulturproduktion Bern
Medizinmuseum Kiel

Das Thema der Ausstellung ist das Stereotyp des verrückten Wissenschaftlers, der in seiner Genialität auf moralische Abwege gerät. Der Mad Scientist ist eine populäre Personifikation einer häufig anonymen Wissenschaft, die Mühe hat, ihre Ergebnisse einer grösseren Bevölkerungsschicht zu kommunizieren. Der verrückte Wissenschaftler, der geniale Tüftler und der verschrobene Erfinder sind demgegenüber leicht fassbare Klischees und Karikaturen von Wissenschaftlern, anhand derer in einer breiteren Öffentlichkeit wissenschaftliche Themen diskutiert und verarbeitet werden. Im Mad Scientist finden gesellschaftliche Ängste in Bezug auf die als unheilvoll empfundenen Möglichkeiten der technologischen Entwicklung ihren Ausdruck, und Aufklärung oder Abschreckung ist oft das Ziel der gleichnishaften Darstellungen.
Das Ziel der Ausstellung liegt insofern nicht darin, Wissenschaft direkt zu popularisieren, vielmehr geht es explizit darum, sich mit den bereits vorhandenen populären Bildern der Wissenschaft selbst auseinanderzusetzen, sie in einen historischen Kontext zu stellen und zu hinterfragen. Der Typus des Mad Scientist dient als visuell dankbares Mittel, sich der Frage nach der Vermittelbarkeit und «Wahrheit» von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu nähern.

Die Frankenstein-Story

Die Ausstellung beginnt mit Mary Shelleys Frankenstein-Geschichte, die historisch gesehen eines der ersten populären Bilder «verrückter» moderner Naturwissenschaft lieferte und thematisch ungebrochen aktuell geblieben ist.

Die zentralen Fragen und Themen der Ausstellung werden angesprochen: Die Besessenheit von Forschenden. Die Faszination von Wissenschaft, welche jene Besessenheit verständlich macht. Das Bestreben des Menschen, «Künstliches», auch sein Ebenbild, zu erschaffen. Die Gefahr, dass das Ergebnis der Wissenschaft dem Forschenden entgleitet. Die Verantwortung, der er sich nicht entziehen kann. Medizin und Gentechnik.

Klassische Mad Scientists

Sechs fiktive und reale Wissenschaftler/innen werden porträtiert und einander gegenüber gestellt. Dabei fällt der Blick auf ihre Selbstinszenierungen: Nicht nur liefert die Realität Bilder für die Fiktionen, sondern umgekehrt wirken diese offenbar auf jene zurück. Die im ersten Teil aufgeworfenen Fragen und Themen werden anhand der verschiedenen Figuren weiter entwickelt und vertieft.

Die Lust am Experiment

Wissenschaft und Kunst

Die Neugierde, das Forschen und Schöpfen haben die Geschichte des Menschen immer begleitet. Dieses Phänomen wird beispielhaft und mit spielerischen Objekten angereichert. Dabei zeigt sich, dass die Grenzen zwischen wissenschaftlichem und künstlerischem Experimentieren teilweise fliessend sind.

Verantwortung

Der klassische Mad Scientist liefert ein zwar populäres und wirkungsmächtiges, aber letztlich überholtes Bild von Wissenschaft. Denn längst findet Wissenschaft in Teams statt, in denen Verantwortung nicht einfach zuzuordnen ist. Und längst ist Wissenschaft in ökonomische Zusammenhänge eingebunden, die ihren Verlauf teilweise diktieren und in denen der einzelne Wissenschaftler gar nicht die Möglichkeit hat, ein klassischer Bösewicht zu sein.

Bei wem liegt heute also die Verantwortung für wissenschaftliche Entwicklungen, welche Kontrollmechanismen gibt es, welches sind die Perspektiven? Diese Fragen werden im letzten Teil gestellt, nicht aber abschliessend beantwortet. Gleichzeitig wird die Wichtigkeit fiktiver Bilder wie Frankenstein für den Lauf der Wissenschaft hervorgehoben.

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